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Leiten eines Orchesters – Welche Eigenschaften braucht ein Dirigent?

Leiten eines Orchesters – Welche Eigenschaften braucht ein Dirigent?

 

A. Überzeugungskraft

In einem Forschungsprojekt „Führung und Kooperation im Orchester“ wurden 436 Musiker aus 30 deutschen Orchestern schriftlich befragt.
Danach ist es für 95 % der Befragten wichtig, dass der Dirigent künstlerisch kompetent und konzentriert ist, dass er die Anweisungen klar und eindeutig gibt (96 %) und dass die Beziehung zwischen Orchester und Dirigenten gut ist (91 %). Der Dirigent entscheidet darüber, wie eine Komposition zu interpretieren und zu spielen ist. Da jedes Stück auf unterschiedliche Weise interpretiert werden kann, muss der Dirigent die Musiker zunächst einmal von seiner speziellen Interpretationsweise überzeugen. Für nur wenige Musiker sind die bisherigen künstlerischen Erfolge des Dirigenten von Bedeutung, vielmehr wird erwartet, dass er gerade im aktuellen Orchester seine künstlerischen Fähigkeiten unter Beweis stellt.
Dabei gelten die Antworten zur Überzeugungsleistung eines Dirigenten unabhängig von der Position der Musiker im Orchester, d.h. Solisten, Stimmführer oder Tuttisten in gleichem Maße. Vergleicht man aber Musiker verschiedener Instrumentengruppen miteinander, zeigen sich Unterschiede: Das Engagement des Dirigenten für das Orchester überzeugt am meisten die Schlagzeuger, am wenigsten jedoch die Streicher und Blechbläser. Dagegen überzeugt die ausschließliche Konzentration auf die Musik am meisten die Holzbläser und die Streicher, am wenigsten jedoch die Blechbläser. Auffällig ist auch, dass es zwischen den verschiedenen Orchestern Unterschiede gibt. So wird es für einen Dirigenten mit zunehmender Größe und Qualität schwieriger zu überzeugen. Dies wird auf die größere Anzahl an erfahrenen und guten Musikern zurückgeführt, da sie aufgrund ihres erreichten Leistungsniveaus eher schwieriger zu überzeugen sind.

B. Wie wird der Dirigent als Person gesehen?

Hier wurden die Musiker gebeten, einen Dirigenten ihrer Wahl in Bezug auf verschiedene Eigenschaften einzustufen. Musiker aus größeren Orchestern beschreiben ihren Dirigenten im Vergleich zu Musikern aus kleineren Orchestern ausgeprägter als autoritär, charismatisch, überlegen, sicher, mächtig, zuverlässig, vertrauenserweckend, distanziert und weniger einfühlsam. Musiker aus kleineren Orchestern erleben ihren Dirigenten demgegenüber eher sympathisch, kollegial, nicht charismatisch, rücksichtsvoll, unterlegen, tolerant, weniger sicher, zugänglich und weniger mächtig.
Diese Eigenschaften können zu 2 Faktoren zusammengefasst werden:Sympathie und Autorität bzw. Macht. Je höher die künstlerische Qualität des Orchesters ansteigt, umso weniger ist die Sympathie des Dirigenten ausschlaggebend, sondern vielmehr seine Autorität bzw. seine Macht.

 
C. Wie kann der Dirigent Einfluss auf die künstlerische Qualität des Orchesters nehmen?


Hier war es wichtig, einen Zusammenhang zwischen den Eigenschaften des Dirigenten und der künstlerischen Qualität des Orchesters herzustellen.
Folgerichtig kann aus den Ergebnissen dieser Umfrage festgehalten werden:Für eine hohe künstlerische Qualität des Orchesters reicht es nicht aus, wenn der Dirigent den Musikern sympathisch ist; vielmehr muss er gleichzeitig auch als autoritär und mächtig wahrgenommen werden. Hier stellt sich unweigerlich die Frage, wodurch ein Dirigent im Orchester Autorität bzw. Macht ausübt.

Ein Dirigent sollte stets Experte seines Fachs sein

Wo immer Menschen geführt werden, spielt Macht eine Rolle. So ist ein ganz besonders anschaulicher Ausdruck für Macht, die Tätigkeit des Dirigenten. Doch worauf beruht die Macht des Dirigenten. Unterschieden werden können hier 4 Machtgrundlagen:

1. Experten- oder Identifikationsmacht

Sie wird als hoch eingeschätzt, wenn der Dirigent aus der Sicht der Musiker gestalterisches und handwerkliches Können zeigt. Eng damit verbunden ist die Identifikationsmacht. Sie gründet sich auf den Wunsch des Musikers, dem Dirigenten in Meinungen, Einstellungen oder Verhalten ähnlich zu sein.


2. Informationsmacht

Hier gibt der Dirigent Informationen an die Musiker weiter, die sie ohne den Dirigenten nicht erhalten würden. Dies sind bspw. Informationen über die historische Aufführungspraxis der Komposition oder der jeweiligen Interpretationsweise über die einzelnen Stücke. Dabei ist es wichtig, dass die Informationen nachvollziehbar, klar und verständlich dargelegt werden.

3. Legitimationsmacht

Diese Eigenschaft erfolgt unmittelbar aus der Position des Dirigenten selbst. So schreiben Musiker ihrem Dirigenten bspw. dann eine hohe Legitimationsmacht zu, wenn sie sich allein aufgrund seiner Rolle als Orchestermusiker verpflichtet fühlen, den Vorstellungen des Dirigenten zu entsprechen.

4. Belohnungs- und Bestrafungsmacht als „klassische Machtquelle“

Die Ausübung dieser Machtfunktion besteht vornehmlich in der Möglichkeit des Dirigenten, die Musiker für ihr Verhalten oder ihre Leistung zu loben oder zu bestrafen.

Im Ergebnis stellt sich als wichtigster Machtfaktor die Experten- und Identifikationsmacht heraus. Je mehr der Dirigent Experten- und Identifikationsmacht ausübt, desto höher wird die künstlerische Qualität des Orchesters eingeschätzt. An zweiter Stelle folgt die Informationsmacht des Dirigenten. Je präziser die Interpretationsvorstellungen des Dirigenten umgesetzt werden, desto höher ist die künstlerische Qualität des Orchesters. Die Legitimationsmacht wird als dritter Faktor für weniger entscheidend erachtet. Allein dadurch, dass der Dirigent gegenüber den Orchestermusikern die Rolle des Führenden ausübt, kann die künstlerische Qualität nicht gesteigert werden. Gleiches gilt auch für die Belohnungs- und Bestrafungsmacht, die laut der vorgenommenen Untersuchung in keinen Zusammenhang mit der künstlerischen Qualität des Orchesters gebracht wird. Ein Grund liegt vermutlich darin, dass sich die Musiker vor allem durch solche Faktoren motivieren lassen, die mit dem Musizieren selbst zu tun haben.
 
Fazit:


Die vorliegende Untersuchung wurde vornehmlich in professionellen Orchestern durchgeführt, so ist ein Vergleich zu Amateurorchestern nicht in allen Belangen möglich. Festzuhalten bleibt, dass es zum Erreichen der gewünschten künstlerischen Qualität eines Orchesters weniger wichtig ist, dass der Dirigent nett und sympathisch ist, sondern mehr, dass er künstlerisch kompetent und konzentriert ist, seine Anweisungen klar und deutlich sind und dass die Beziehung zwischen Orchester und Dirigent gut ist. Ein Dirigent kann sich vor allem durch sein Expertenwissen Autorität verschaffen.

Kontakt

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